Mittwoch, 29. April 2015

Elvis läbbt - Kurzgeschichte



Eine Kurzgeschichte - wie versprochen:

Elvis läbbt

Die Dame vom Amt las ihren Satz von einem Blatt ab:

„Gutten Takk. Was kann irch fur sie tunn?“

Ich stockte.

„Oh – Verzeihunk. Irch neu hier auf Einwohnermeldeamt. Irch von Wolgograd. Prokopjewa.

Über ihren Bildschirm hinweg reichte mir eine zierliche Hand. Ich schüttelte sie.

„Tja – mein Opa hat sein Portemonnaie verloren und ich wollte…“

„Ah, ist nircht Fundburo hierch.  Mussen Sie zwei Tore weita zu meina Kolläggin.“

„Nein, Nein – da war ich schon. Da ist es nicht. Ich möchte für ihn einen neuen Ausweis beantragen.“

„Ach – ähm….gleine Momänt.“

Wieder sah die Frau auf ihren Zettel und wiederholte:

„Gutten Takk. Was kann irch fur sie tunn?“

„Ich möchte für meinen Großvater einen neuen Pass beantragen. Per-so-nal-ausweis!“

„Oh – natullirch. Jetzt irch habbe verstanden. Passausweis. Tudd mirch leid, aber muss selbst kommen, Opa.“

„Das geht aber nicht. Mein Opa kann nicht selber kommen. Er muss auf meine Oma aufpasssen. Die ist nämlich krank.Wissen Sie … Alzheimer.“

„Aber Alzrcheim andere Stadt, oda? Hier nircht Alzrcheim. Hier Sieggen.“

„Nein ich meine Alzheimer – die  Krankheit.“

Sie sagte nichts, sah mich nur an. Ich hatte nicht vor, ihr das ganze Drama meiner Großeltern zu erklären. Was ging sie die Beziehung meiner Großeltern an. Meine Oma erkannte meinen Opa nicht mehr. Das einzige, was sie noch wahrnahm, war wenn ich ihr einmal in der Woche die alten Elvis-Schallplatten abspielte. Sie war schon immer ein glühender Elvis-Fan gewesen. Ob die Dame vom Amt Elvis überhaupt kannte, so jung wie sie war?

„Jetzt verstähe. Alzcheimer ist Krankheit?“

„Ja - eine Krankheit, bei der man alles vergisst. Manchmal sogar seinen eigenen Namen manchmal aber auch, dass man noch den Herd angelassen hat und deshalb passt Opa gerade auf Oma auf. Also bin ich hier, um seinen neuen Pass zu beantragen.“

„Ohh – tut mirch sehr leid, nircht sofort verstanden. Ich erst ein Jahr chier in Dötschland und bin nur Verträttunk heute.“

„Na gut, aber kann ich jetzt einen neuen Pass beantragen oder nicht?“

„Natullirch – Momäänt biitte….“

Sie schob die Computermaus emsig hin und her, machte aber insgesamt einen eher verzweifelten Gesichtsausdruck. Fast so verzweifelt wie meine Oma, wenn sie mal wieder etwas suchte. An Opa bewunderte ich, wie liebevoll er mit der Situation umging. Er versuchte alles, um eine normale Unterhaltung in Gang zu setzen, während Oma sich ständig über den fremden Mann in ihrer Wohnung beschwerte. Dabei hatte sie ihn einmal so sehr geliebt. Andere behaupteten hingegen scherzhaft, sie habe ihn nach seinem Geburtdatum ausgewählt. Es war das gleiche wie das von Elvis, dem King of Rock ´n Roll.

„Chier ist Fomula!!“, rief plötzlich die Blonde. „So fang-gen wir an. Gebuttstag ihr Oppa?“

„08.Januar 1935.“

„Sso – dann irch braurche jetzt Namme von ihre Grossvatter.“

Vielleicht war es ein Reflex, eine blöde Idee, ein Blackout - vielleicht aber auch ein guter Plan als ich sagte:

„Elvis Aaron Presley.“

Und die Russin, die heute nur als Vertretung hier saß und nur die Hälfte von dem verstand, was ich ihr sagte, zögerte einen winzigen Moment, ehe sie die Finger auf die Tastatur legte:

„Gutt – aber dass ist ungewohnlircha Namme. Bitte burchstabiren mir, wenn gäht“

Als ich eine halbe Stunde später das Einwohnermeldeamt verließ, nahm ich mir vor, gleich noch ein paar schicke Klamotten für meinen Opa zu besorgen. Vielleicht einen weißen Anzug mit hohem Kragen und Pailletten. Und ein neues Portmonnaie bekäme er natürlich auch.

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